Dem Leben trauen

Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft. (Jes 30,15b)

Ich rege mich nicht auf … 7. April 2011

Einsortiert unter: Philosophisches,Studium — Evi @ 15:30

Eigentlich will ich nicht, nein, ich will nicht – aber ich rege mich doch auf!

Seit dem heiß diskutierten Memorandum von 311 kath. Theologie-Professoren und Professorinnen Anfang Februar lese ich öfter als vorher auf verschiedenen Seiten von Befürwortern und denen, die das Memorandum ablehnen. Zu ersteren gehört Prof. Häfner (Neutestamentler) von der LMU, der das Memorandum unterzeichnet hat, obwohl er nicht alles hundertprozentig befürwortet und manche Formulierungen für nicht besonders glücklich hält. Seine Meinung dazu – und zu anderen theologischen Fragen – hat er in seinem lesenswerten Blog dargestellt bzw. tut das noch immer.

Die zweite Gruppe bilden die (grob zusammengefasst) Konservativen, die ihrer Meinung nach rom- und papsttreu sind. Und diese Gruppe macht mich wütend, fassungslos, erschüttert mich. Ein paar Beipiele.

“Meine größte Sorge kann ich nicht verschweigen: Wie kann ich künftige Priester, Diakone, Religionslehrer und seelsorglich Tätige Lehrern anvertrauen, deren Leben in und mit der Kirche defizitär ist! ” (Kard. Meisner, Köln)

Man könnte meinen (das suggeriert auch die Petition von Pro Ecclesia), dass an den theologischen Fakultäten nur Theologen ausgebildet werden, die später in den kirchlichen Dienst gehen. Es gibt aber genügend, die das nicht tun wollen oder können. Aber das ist noch nicht mal das, was mich bei diesem Zitat am meisten ärgert. Kardinal Meisner – und nicht nur er – wirft den Theologie-Professoren und allen denen, die sich dem Memorandum anschließen, ein defizitäres Glaubensleben vor. Wie kann er sich so etwas anmaßen? Woher weiß er um den Glauben von Menschen, die er nicht kennt? Ist selbständiges Denken oder das Bedürfnis, über Probleme reden zu wollen, Ausdruck eines geringen Glaubens? Diese Selbstgerechtigkeit zeigt sich auch bei den anderen “wahren” Katholiken (zu denen ich mich also nicht zählen darf):

“Nun, die wahren Gläubigen gehen andächtig und still zur Messe, Beichte, Rosenkranz und sind mit Gott verbunden. Ergo: haben überhaupt kein Bedürfnis zu irgendeiner lächerlichen Selbstdarstellung in der Kirche & vor allem am heißgeliebten Ambomikrofon.”

Mit letzterem sind vor allem die Wort-Gottes-Feiern gemeint. Aber das nur nebenbei. Schon fast mein Lieblingszitat. Kurz zusammengefasst: Ein richtiger Katholik denkt nicht selber, hält die Klappe und glaubt gefälligst, was ihm vorgesetzt wird. Und wenn man die Kommentare zu diversen Beiträgen liest, schließt das Nächstenliebe und Respekt aus. Zum Beispiel wird gefragt, warum denn ein homosexueller Religionslehrer immer noch unterrichten darf. Ist das die Angst vor dem, was ich nicht kenne? Was hat Homosexualität mit der Qualifikation als Lehrer zu tun?

Ich will auf keinen Fall abstreiten, dass Gebet (in welcher Form auch immer) und Gottvertrauen der Kirche aus der Vertrauenskrise führen und den Menschen Halt geben kann, aber wenn das nach dem Motto geschieht “der liebe Gott wird’s schon richten” und ich brauche dann ja keinen mehr Finger zu rühren oder meinen Verstand zu bemühen, dann fehlt doch ein wesentlicher Teil der christlichen Botschaft.

Ich halte mich auch ab und zu am Ambomikrofon auf (das ich nicht liebe, es ist einfach nur praktisch). Um die Lesung zu lesen, um also das Wort Gottes zu verkünden oder um die Menschen zu unserem Pfarrkaffee einzuladen, damit sie einfach mal ins Gespräch kommen und sich kennenlernen können.

„Die Kirche muss wieder erkennbar werden als Ort, an dem Menschen Zugang finden zu einer Wahrheit, die sie beglückt und frei macht, die sie ihr ganzes, zugleich so buntes wie auch gefährdetes Leben verstehen lässt. Menschen vertrauen der Kirche, wenn sie den Glauben tatsächlich glaubwürdig an sie heranträgt und lebt.“ (Erzbischof Zollitsch)

Kurz nach der Veröffentlichung des Memorandums hat es Erzbischof Zollitsch kritisiert. Er beweist mit diesem Zitat eine hohe Kompetenz mit blumigen theologischen Phrasen nichts zu sagen. Mir fällt dazu die Szene im Film “Wer früher stirbt ist länger tot” ein, in der Sebastian den Pfarrer fragt “Ja und was mach ich da jetzt, also – konkret?”.

Ein häufiges Argument, das in der ganzen Diskussion immer wieder gebracht wird, ist die Sorge, dass sich die Kirche dem Zeitgeist anpasst. Hat sie das nicht schon immer gemacht? Zugegeben, mal mehr mal weniger freiwillig und meistens reichlich zeitversetzt. Untergegangen ist sie deswegen trotzdem nicht. Ich will kein Hypothesen aufstellen, was wäre gewesen, wenn … aber selbst die Urgemeinden waren von ihrer Umgebung geprägt, die Gemeinde in Rom war anders als die in Korinth und die wieder anders als die in Jerusalem. Und wenn man einen Gottesdienst in Deutschland mit einem z. B. in Kenia vergleicht, dann ist zwar der Ablauf der gleiche, aber wie er gefeiert wird ist doch ein Riesenunterschied. Die Kultur ist eine ganz andere und die Fragen und Sorgen, die die Menschen bewegen, erst recht. Hier stellen sich zwei Fragen: Was oder wer ist die Kirche überhaupt? Und welchem Zeitgeist soll sie sich anpassen (oder eben nicht)? Da ein Antwort darauf hier zu weit führen würde, schreibe ich später mal darüber. Noch ein weiteres Zitat eines Kommentators auf kath. net:

“Vielleicht sollten sich die Christen ein Beispiel an Muslimen in Deutschland nehmen. Die haben 1 Moschee für die ganze Stadt und dennoch ist Ihnen kein Weg zu weit, um zu den Freitagsgebeten zu gehen. Die Frage, die sich also bei den Wortgottesdienst-Selbstdaresteller-Events stellt für die Gläubigen in Deutschland ist: Wie viel wert ist mir ein echter Gottesdienst, wie viel wert ist mir die Eucharistiefeier? Und schon sind wir wieder bei der Glaubenskrise in deutschland, die nichts mit Strukturen zu tun hat, jedoch durch die Entwicklungen immer sichtbarer wird.”

Ich bezweifle die Behauptung, den Muslimen wäre kein Weg zu weit, um zum Freitagsgebet zu kommen. Meines Wissens gibt es dort auch sehr viele Menschen, die sich nicht mehr für den Glauben interessieren. Aber da ich dazu keine Fakten habe, will ich auch nicht spekulieren und wilde Behauptungen aufstellen. Die vom Kommentator gestellte Frage allerdings ist berechtigt, nur möchte ich sie andersrum stellen. Warum nehmen viele nicht mehr die “Mühe” auf sich, in den Gottesdienst zu gehen oder sich in einer Pfarrei zu engagieren? Egal wie groß die Entfernung zur Kirche ist. Dafür gibt es viele Gründe: die Gesellschaft hat sich verändert, die Menschen sind ich-bezogener, es gibt unzählige Freizeitangebote und -aktivitäten, immer weniger wollen (oder können) sich längerfristig oder dauerhaft an etwas binden, ehrenamtliches Engagment nimmt insgesamt ab, etc.

Die katholische Kirche wird in der westlichen Welt als ein “Freizeitangebot”  unter vielen  angesehen, eines mit einer spiritueller Ausrichtung, aus dem man sich das rauspickt, was einem gut tut. Sie ist zwar schon noch eine gewisse Autorität, aber eben auch wieder eine unter vielen, nicht mehr die Autorität. Die Kirche muss lernen damit umzugehen, dass die Zugehörigkeit zu ihr keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sie muss sich ein eigenes Profil erarbeiten. Das hatte sie im Lauf ihrer langen Geschichte in dieser Form noch nie zu bewältigen. Sonst schafft sie es nicht, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen (um jetzt mal einen typischen pastoraltheologischen Terminus zu verwenden). Darunter verstehe ich, dass es den Menschen wieder bewusst wird, dass die Kirche und vor allem das Evangelium, das sie verkündet, etwas mit meinem Leben zu tun hat. Im Erstkommunionunterricht ist es mir wieder aufgefallen: Wir haben Brot gebacken und anschließend u. a. über’s Teilen geredet und die Geschichte der Brotvermehrung gelesen. Als es dann an das Essen der Brote ging, war alle Theorie zum Thema “Teilen” vergessen und die Kinder stritten darum, welches Brot nun wem gehört und keinem der Kinder fiel auf, dass wir beide Gruppenleiterinnen kein Brot hatten. Selbst nach einem dezenten Hinweis (mit dem Zaunpfahl) von mir, bekam nur ich von zwei Kinder ein paar Körner. Nun ist es vielleicht etwas viel von 8- 9-Jährigen verlangt, diesen Transfer hinzubekommen. Aber ähnliches beobachte ich auch bei Erwachsenen, die mir zum Beispiel sagen, dass sie zwischen ihrem Glauben und ihrem Beruf trennen. Und das in einer Berufsbranche, in der christliche Werte und Überzeugungen durchaus für das eigene Handeln eine Rolle spielen.

Das ist eine meiner großen Überzeugungen und Anliegen, meinen Mitmenschen zu zeigen, dass “Kirche” nicht nur die Institution ist, sondern dass jeder einzelne dazu beiträgt, wie Kirche in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Man sollte sicher über Strukturen, Ämter und theologische Themen diskutieren, aber solange ich aus meinem Christsein keine Konsequenzen ziehe und als Christ nicht sichtbar werde, sind alle Diskussionen vertane Zeit.

Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist. (Röm 12,2)

 

2 Antworten zu „Ich rege mich nicht auf …“

  1. Wahre Worte, aber mit einem (nein zwei) grundlegenden Fehlern: Du bist kein geweihter Priester und du bist strafverschärfend eine Frau. Denn laut römisch-katholischem Selbstverständnis sind ja nur Priester wirkliche Gläubige, der Rest sind “Laien”. Und solange die Priester und ein Großteil der “Laien” das als selbstverständliche Grundlage der Kirche sehen, solange sind alle Diskussionen und alle Memoranden für’n A…

  2. Evi Sagt:

    Wenn man alles nur hinnimmt, womöglich noch unreflektiert, wird sich bestimmt nie was ändern. Ich stehe nach wie vor und zunehmend immer fester auf dem Standpunkt, dass ich nur von innen raus etwas verändern kann. Dass man damit einiges erreichen kann, hat die Geschichte oft genug gezeigt, bekanntlich ja auch in der jüngsten Zeit. Veränderung erreiche ich nicht, wenn ich still auf dem Sofa (bzw. in der Kirche) sitze.
    Und ich will das Feld nicht diesen erzkonservativen Leuten überlassen, die genau das Bild von katholischer Kirche transportieren, das zum großen Teil in der Öffentlichkeit herrscht. Und die mich mit ihren Äußerungen, die weit außerhalb des Anstands und des Respekts sind, erschrecken und eben auch wütend machen.
    Dabei ist es mir ziemlich egal, welchen offiziellen Status ich innerhalb der Kirche habe. Ich bin ein mündiger Mensch und ich lasse mir das Denken und die Äußerung meiner Meinung nicht verbieten. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf. ;)


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