Dem Leben trauen

Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft. (Jes 30,15b)

Wende dein Gesicht der Sonne zu … 26. März 2010

Einsortiert unter: Bücher,Philosophisches — Evi @ 11:52

…, dann fallen die Schatten hinter dich. Dieses afrikanische Sprichwort hat der Autor Obiora Ike für sein Buch gewählt. Er ist katholischer Priester aus Nigeria, der in Deutschland studiert hat. Heute ist er Generalvikar einer Diözese in Nigeria, Hochschulprofessor und Kämpfer für die Menschenrechte.
Dieses Buch habe ich fast in einem Rutsch durchgelesen und ich bin sicher, ich werde es immer wieder zur Hand nehmen. Es ist die Sicht eines Afrikaners auf Deutschland und der Deutschland liebt wie seine Heimat.
Dieses Buch ist ein Plädoyer – ein Plädoyer an uns Deutsche, uns wieder auf unsere Tugenden und unsere Schätze zu besinnen und gleichzeitig ein bisschen afrikanischer zu werden.
Ein Plädoyer gegen den Relativismus, gegen den Egal-ismus und eines dafür, Position zu beziehen, in weltlichen und christlichen Fragen.
Es ist ein Plädoyer für Gott und den Glauben an ihn. Und dafür, ihn wieder in unser Leben zu lassen.
Es ist ein Plädoyer gegen die “German Angst”(*) und für mehr Vertrauen – zu Gott und den Menschen.
Das Buch ist ein Plädoyer gegen die Einsamkeit und eines für mehr Beziehung.
Kurz: dieses Buch ist eine Predigt auf 269 Seiten, nicht nur für Christen, nicht nur für Deutsche, sondern für alle Menschen, denen es nicht egal ist, was in der Welt, in ihrem Land, in ihrer Nachbarschaft, in ihrer Familie geschieht.

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(*) Diesen Ausdruck gibt es im Englischen tatsächlich und beschreibt die eher abstrakte Angst, die sich nicht auf eine bestimmte Sache bezieht, sondern mehr eine allgemeine Lebensangst. Sollte uns das nicht zu denken geben?

 

Dante und die Vermessung 2. Februar 2010

Einsortiert unter: Bücher,Philosophisches,Studium — Evi @ 16:58

Ein weiteres Kapitel in der Rubrik “Dinge, die ich nicht erwartet hatte im Theologie-Studium zu lernen”:

Heute hat eine Kommilitonin ein interessantes Referat gehalten über “Dante und Thomas von Aquin: ‘Gott als Dichter’ in der Göttlichen Komödie und die thomistische Erkenntnistheorie”. Schon allein die Tatsache mehr über die “Göttliche Komödie” zu erfahren, war schon interessant, weil ich davon bisher nicht mehr wusste, als dass sie von Dante stammt. Ich hätte sie noch nicht einmal zeitlich einordnen können. Dante hat sie von 1308/09-1321 geschrieben. Die Zusammenhänge mit der Philosophie und Theologie des Thomas waren auch neu für mich und sogar für unseren Professor.

Aber das Verblüffende für mich sind folgende Zeilen aus der “Göttlichen Komödie” – es geht um die Gotteserkenntnis:

     [...]Des Kreises Umfang, der in dir beschlossen
     Vor mir erschien, wie rückgestrahlte Helle,
     Und den mein Aug ein wenig überschaute,
     Der ist mir in sich selbst mit eigner Farbe
     Mit unserm Angesicht bemalt erschienen,
     Weshalb ich ganz den Blick in ihn versenkte.
     So wie der Geometer, der sich mühet,
     Den Kreis zu messen, und mit allem Denken,
     Doch jene Regel, die er braucht, nicht findet,
     So ging es mir bei diesem neuem Bilde: [...]

Der Vermesser ist in einem der wichtigsten literarischen Werke der Menschheit vertreten!! Ich bin beeindruckt! Noch dazu ist es ein schönes Bild für die Unmöglichkeit Gott vollständig zu erkennen. Das werde ich mir merken.

Ich bin jetzt aber auch etwas irritiert: Gab es den Berufsstand des Vermessers schon im 14. Jahrhundert?? Ich dachte nicht. Im Studium habe ich davon nix gehört. Was nicht unbedingt was heißen soll, entweder hab ich es vergessen oder, was wahrscheinlicher ist, liegt es daran, dass ich in Bayern studiert habe. Da fängt die Vermessung erst 1803 (oder drumrum) an …

Ich bitte die Vermesser unter euch um Aufklärung …

Nachtrag: Ich hab eine Theorie. Vielleicht ist mit dem Geometer einer gemeint, der sich mit der damaligen philosophischen Disziplin Geometrie beschäftigt hat, die eine der sieben freien Künste war.

 

Geschichte einer deutschen Familie 29. Dezember 2009

Einsortiert unter: Bücher — Evi @ 16:04

So lautet der Untertitel des Buches “Meines Vaters Land” von Wibke Bruhns. Ich habe es gerade zu Ende gelesen und stehe noch ganz unter dem Eindruck dieses bewegenden, interessanten und spannenden Buches.

Der Vater von Wibke Bruhns, Hans Georg Klamroth, wurde als Mitwisser des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet. Seine jüngste Tochter Wibke war damals knapp 6 Jahre alt. Sie hat keine Erinnerungen an ihn, da er während des Krieges kaum zu Hause in Halberstadt war. Sie vermisste ihn auch nie, bis sie eines Tages Filmaufnahmen von ihm bei seinem Prozess sieht. Sie schreibt: “Aber ich erkenne mich in ihm – seine Augen sind meine Augen.” Daraus entspringt der Entschluss, ihrem Vater näher zu kommen, sich um ihn zu kümmern, wie sie es nennt.

Es entsteht eine Familiengeschichte, die vom Aufstieg und Fall der Firma und der Familie erzählt, von den täglichen Sorgen und Freuden. Das Buch ist aber auch der Versuch, den Vater und auch die Mutter zu verstehen, die Mitglied der Partei waren, anfangs zumindest auch glühende Anhänger Hitlers. Sie versucht aus den vielen Briefen herauszulesen, warum ihr Vater erst sehr spät Zweifel bekommt, warum er im 1. Weltkrieg voller Begeisterung Soldat war. Warum er gegenüber der Judenverfolgung so gleichgültig war. Nicht immer findet sie eine Antwort darauf.

Was mich am meisten bewegt hat, war die Leistung ein Buch zu schreiben, das die Geschichte von gut 100 Jahren mit journalistischer Distanz erzählt und gleichzeitig ein doch sehr persönliches Buch ist. Wibke Bruhns wahrt die Distanz zu ihrem Vater und kommt ihm doch sehr nahe. Sie stellt ihn auf kein Podest, weil er als Mitwisser hingerichtet wurde, sondern setzt sich sehr kritisch mit ihm auseinander. Oft kommentiert sie z. B. seine Briefe mit “Der spinnt!”.

Ich kann dieses Buch also nur wärmstens empfehlen, selten habe ich ein “Geschichtsbuch” gelesen, das ich fast nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem letzten Kapitel: “Dein Leben lag in einer fürchterlichen Zeit, und wenn es denn für die Kinder besser werden sollte, das ist gelungen. Du hast den Blutzoll bezahlt, den ich nicht mehr entrichten muß. Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr? Ich danke dir.”

 

 
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